POLYARTHRALGIE
Chronische Polyarthralgia
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Der Begriff

Das Wort "Polyarthralgie" setzt sich zusammen aus

  1. "Poly" bedeutet viel oder auch mehr als normal und

  2. Ar thralgie, wobei "Arthr" (Arthro) für ein Gelen k steht und "algie für Schmerzhaftigkeit. Ar thralgie bedeutet demnach Gelen kschmerz

Eine Polyarthralgie (Polyarthralgia) kann sehr hartnäckig sein und gibt deshalb häufiger Anlaß, einen Schmerztherapeuten bzw. eine Schmerzklinik aufzusuchen.

Gerade die Spezielle Schmerztherapie verfügt über sehr hilfreiche Therapiemethoden, auch bei einer Polyarthralgie (siehe unten).

Nun aber zum Thema

Für eine Polyarthralgie gibt es mehrere Ursachen, der Einfachheit halber gliedern wir diese in 2 Gruppen:

  1. Polyarthralgie, die auf eine Eigenerkrankung der betroffenen Gelen ke zurückzuführen ist.
    Hier wäre an erster Stelle die Polyarthrose
    (= Arthrose in mehreren Gelen ken) zu nennen, eine vorwiegend degenerative (= abnutzungsbedingte) Gelenkerkrankung, die (mit großen Schwankungen) erst mit zunehmendem Alter auftritt. Das Risiko, Arthrosen zu bekommen, ist sehr hoch, vor allem im Alter. Bei über 70-jährigen Menschen ist bereits zu 80% eine Gelenkarthrose vorhanden, während nur 4% der 20-jährigen eine Arthrose haben, Frauen sind häufiger betroffen.
    Bei der sog. Arthrosis deformans (Arthropathia deformans) bestehen chronische, schmerzhafte, zunehmend funktionsbehindernde
    Gelen k veränderungen infolge eines Mißverhältnisses von Tragfähigkeit und Belastungen. Betroffen sind vor allem Hüftgelenk e und Kniegelenk e.
    Eine weitere häufige Ursache für Gelen kschmerzen sind natürlich Gelenkentzündungen, vom Mediziner als Arthritiden bezeichnet. Eine ausführliche Darstellung dieser Schmerzursache finden Sie hier (einfach anklicken).
    Die Arthri tis als Systemerkrankung (z.B. Oligoarthritis, Polyarthritis) im Gegensatz zur Monoarthritis (Monarthritis) wird weiter unten beschrieben.

    Eher selten können auch Tumore zu einer Polyarthralgie führen, meist gehen diese von der Innenhaut der Gelenkkapsel (Membrana synovialis) oder von der Gelenkkapsel selbst aus. 
    An gutartigen Tumoren kommen vor: Lipome
    (= Fettgewebsgeschwulste), Fibrome (= Bindegewebsgeschwulste) oder Hämangiome (= Wucherungen von Blutgefäßen). Bösartig ist das maligne Synovialom.

  2. Polyarthralgie bei Gelenksentzündungen (Arthritis) infolge einer Systemerkrankung
    In dieser Gruppe dürften rheumatische bzw. rheumatoide
    (= rheumaähnliche) Ursachen dominieren. 
    Bei der primär chronischen Polyarthritis (PcP), auch rheumatoide Arthritis oder Polyarthritis rheumatica genannt, handelt es sich um eine chronische, unterschiedlich fortschreitend verlaufende, entzündliche, destruierende
    (= mit Zerstörung einhergehenden) Gelenkkrankheit mit Beteiligung aller Gelenkstrukturen. Es besteht eine Tendenz zur Bewegung seinschränkung bis zur Ankylosierung (= vollständige Gelenksteife), aber auch zum Stabilitätsverlust der Gelen ke, Beteiligung von Sehnenscheiden (Tenosynovitis) u. Sehnen mit entsprechenden Folgezuständen. Vor allem in Gelenknähe kommt es zu Bildung von Rheumaknoten unter der Haut. Typisch sind auch Muskel
    atrophien (= Verringerung der Muskelmasse), vor allem im Bereich des Hand rücken s und der Oberschenkel
    Es können auch Arterien befallen werden, die dann ebenfalls entzündlich reagieren (Vaskulitis). Selten sind auch Herz, Lungen und Augen beteiligt. 
    Auch Stoffwechselerkrankungen können zu Arthritiden
    (= Gelenkentzündungen) und damit zu einer Polyarthralgie (Polyarthralgia) führen. Zu nennen wäre hier die Harnsäuregicht (Arthritis urica). Davon sind hauptsächlich Großzehengrundgelenke Mittelfu ß und Sprunggelen ke betroffen. 
    Im Jugendalter kann eine Polyarthralgie im Rahmen einer systemischen juvenilen chronischen Arthrit is (Still Syndrom) auftreten, eine meist symmetrisch verteilte Polyar thritis
    (= En tzündung in mehreren Gelen ken). Begleitende Krankheitszeichen sind Fieber, Milz- und Lebervergrößerung sowie Lymphknotenschwellungen. 
    Auch die Schuppenflechte (Psoriasis) kann zu einer Polyarthralgie führen. Bei der
    Psoriasis-Arthritis, auch als Arthritis psoriatica oder Schuppenflechtenarthritis bezeichnet, handelt es sich um eine fortschreitende, gelen kzerstörende Erkrankung, bevorzugt an Händen und Füßen.
    Bei oder nach Infektionskrankheiten (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) kann es ebenfalls zu einer Polyarthralgia kommen, die sog. parainfektiöse
    reaktive Arthritiden.

Behandlung bei Polyarthralgia:
Grundsätzlich gilt, daß durch eine geeignete Diagnostik
(= Maßnahmen zur Erkennung von Krankheiten) versucht werden muß, eine für die geklagten Schmerzen ursächliche, spezifische Erkrankung zu entdecken. Gelingt dies, so muß diese zunächst kausal (= entsprechend dem Krankheitsbild) behandelt werden. 
Dazu Beispiele: Werden die Gelen
kschmerzen durch eine bakterielle Infektion (= Eindringen von Bakterien in den Mensch) verursacht (z.B. infektiöse Arthritis), so steht an erster Stelle natürlich eine Behandlung mit Antibiotika. Sind die Gelen kschmerzen Folge eines bereits weitgehend zerstörten Gelenkes, so kommt eigentlich nur die operative Einpflanzung einer sog. Endoprothese in Frage. 
Bei rheumatisch bedingter Polyarthralgia überläßt der Schmerztherapeut die medikamentös/ systemische Grundbehandlung dem erfahrenen Rheumatologen. Verbleibt nach einer krankheitsspezifischen Behandlung dennoch eine Polyarthralgie, so eignen sich zur Behandlung folgende Maßnahmen, wobei ein Dauerschmerz praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordert.

Medikamentöse Schmerztherapie:
Akut (= plötzlich einsetzend, heftig) und subakut (= eher schleichend verlaufend) können bei Polyarthralgi
a zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®). Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint bei dieser Wirkstoffgruppe das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien (= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal ist aber eine chronische  Polyarthralgie nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Grundsätzlich sollte aber auch bei einer Polyarthralgie
(Polyarthralgia) eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Schmerzmittelabhängigkeit vermieden werden. 
Die Kombination mit Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression, u.a. aber auch gegen eine chronische Polyarthralgie hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) im Sinne einer Schmerzdistanzierung hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel):
Bei anhaltender Polyarthralgie sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockade
n. Dabei werden die schmerzhaften Gelen ke wiederholt (stationär bei uns zwei mal täglich) großzügig perikapsulär (= um die Gelenkkapsel herum) infiltriert. 
Schmerzhafte Gelen ke können auch mit "Zeel" umspritzt werden, was manchen Patienten mit "homöopathischer" Grundeinstellung sehr entgegen kommt. 
Als nächst höhere Therapiestufe kommen bei Polyarthralgie (chronische) wiederholte
Nerven - - bzw. Leitungsblockaden in Frage, in hartnäckigen Fällen auch kontinuierlich mit Katheter*:

Ner ven und

 

 

 

 

 

Nervengeflechte:

           zugehörige Gelen ke:

 

Plexus brachialis:

Ellenbogen, Hand - und Fingergelenk e,

 

 

mit der retrograd hohen Variante* oder interskalenär** kann

 

 

auch das Schultergelenk erreicht werden

Plexus lumbalis (mittels

 

 

 

N. femoralis-Katheter):

Hüftgelenk

 

 

* Einpflanzung am Oberarm und Abstauung während der Katheterfüllung

N. femoralis:

Kniegelenk

 

 

** Einpflanzung des Katheters im unteren, seitlichen Halsbereich

N. ischiadicus:

Fußgelenk e

 

 

Grundsätzlich wird das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) jeweils so verdünnt verabreicht, daß nur die Sensibilität (= u.a. Schmerzempfindung) betroffen ist, die Motorik (= Muskelfunktion) aber erhalten bleibt und damit begleitend intensive, gelenkfunktionserhaltende sowie funktionsfördernde krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich sind, bzw. bei stärkeren Schmerzen durch Hemmung der Nozizeption (= Schmerzreizleitung) erst möglich werden. Diese Nervenblockaden haben darüber hinaus einen sehr günstigen Nebeneffekt. 
Durch die gleichzeitige Blockade vegetativer Nervenfaseranteile kommt es im korrespondierenden Gewebebereich zu einer sehr deutlichen Mehrdurchblutung, die jedem entzündlichen, aber auch degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung nicht nur symptomatisch
(= nur auf den Schmerz gerichtet), sondern auch als kurativ (= heilend)
zu bezeichnen.

*   Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden.
Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche  intensive Blockadebehandlung auch das sog. Schmerzgedächtnis zu löschen.

Physikalische Therapie bei Polyarthralgie (chronische):
Auch eine Elektrostimulation kann bei Polyarthralgia eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig über dem betroffenen
Gelen k aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. 
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist bei
chronischer Polyarthralgie die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist. 
Manche Patienten mit Polyarthralgie empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls eine Polyarthralgie
(Polyarthralgia) lindern, gleiches gilt für die Wärmekammer. Auch die
Magnetfeldtherapie (pulsierende Signaltherapie) kann hilfreich sein.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei
chronische r Polyarthralgie
nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten. Nahezu unverzichtbar ist aber bei Polyarthralgie die heilgymnastische Therapie, da meist nur diese geeignet ist, Gelenkfunktionen zu fördern bzw. zu erhalten.

Andere Therapiemaßnahmen bei Polyarthralgie
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur (Schmerzakupunktur) zur Behandlung einer chronischen Polyarthralgie nicht unerwähnt bleiben. 
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind im Rahmen einer psychologischen Mitbetreuung auch bei Polyarthralgie eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie. Bei chronische r Polyarthralgie ist auch ein Schmerzbewältigungstraining sinnvoll.

Wenn eine chronische Polyarthralgie längerfristig besteht, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

* Methodenbeschreibung "Kontinuierliche (repetitive) Nervenblockaden mit Katheter":

  1. Nervus femoralis (vorderer Oberschenkel nerv): Bei dieser Methode suchen wir von der Vorderseite des Oberschenkels her, handbreit unterhalb des Leisten bandes mit einer Kanüle in der Tiefe den Oberschenkelnerv auf und legen in die Nervenscheide (Gewebsumhüllung des Nerven) einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) ein. In den nächsten 2-3 Wochen spritzen wir dann mehrmals täglich eine verdünnte örtliche Betäubungsmittellösung ein. Dabei wählen wir die Konzentration des Wirkstoffes so, daß die grobe Kraft und damit die Beweglichkeit erhalten bleibt, aber die Schmerzempfindlichkeit deutlich herabgesetzt oder gar aufgehoben ist.
    Anwendungsbereiche
    : Kniegelenkschmerzen und teilweise Sprunggelenkschmerzen

  2. Gegen Sch merzen im Hüftgelenk kann vorgenannte Methode verändert angewendet werden (der sog. 3 in 1-Block oder die Pl exus lumbal is-Blockade): Wenn man die Menge der örtlichen Betäubungsmittellösung erhöht (ca. 25-35 ml) und während des Einspritzens den Oberschen kel abstaut, wird die Wirkstofflösung nach oben getrieben (innerhalb der Nervenscheide) und betäubt weitere Ner ven, die die genannten Körpergebiete versorgen.

  3. N. isch iadicus (Ischias -Nerv): Bei dieser Methode suchen wir von der Oberschenkelrückseite her, handbreit unter dem Gesäß, den Ischias nerv in der Tiefe mit einer Kanüle auf und legen einen dünnen Kunststoffschlauch in die zugehörige Nervenscheide (Gewebsumhüllung) ein. In den folgenden 2-3 Wochen wird dann in diesen Schlauch mehrmals täglich eine verdünnte, örtliche Betäubungsmittellösung eingespritzt. Je nach Wirkstoffkonzentration kommt es dann im Versorgungsgebiet des Nerven zu einer Verminderung der Schmerzempfindlichkeit bis hin zur Schmerzfreiheit.
    Anwendungsbereiche: Fußgelenkschmerzen

  4. Plexus brachialis: Die Einpflanzung des Katheters erfolgt nahe der Achselhöhle am inneren Oberarm oder im seitlichen unteren Halsbereich (der sog. interskalenäre Zugang).
    Anwendungsbereiche: Ellbogenschmerzen und Handgelenkschmerz, auch
    Fingerschmerzen, in der sog. retrograd hohen Variante oder beim interskalenären (= zwischen zwei Muskelansätzen im unteren, seitlichen Halsbereich) Zugang auch Schultergelenkschmerzen.

Weitere Dateien zum Thema:

Hüftgelenkschmerzen
         Schulterschmerzen
                    Kniegelenkschmerzen
                             Fußgelenkschmerzen
                                    Handgelenkschmerzen

Aktualisiert: k 19.11.05 k u
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